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Fachtag „Religionsunterricht im Pflegebereich“ im Evangelischen Bildungszentrum für Gesundheitsberufe Stuttgart

Bereits im Vorfeld des letztjährigen Expertentages „Ethisch-religiöse Bildung in der Pflege“ für Lehrkräfte an Altenpflegeschulen hatten wir Kontakt aufgenommen: das Vorbereitungsteam dieses Tages mit Studienrat Joachim Ruopp, für den Berufsschulreligionsunterricht zuständiger Dozent am PTZ, Pfarrerin Claudia Krüger, Altenheimseelsorgerin im Evangelischen Kirchenbezirk Leonberg, und Pfarrer Dr. Harald Becker, Studienleiter für berufliche Schulen am RPI, einerseits und ich als Religionsphilologe des Evangelischen Bildungszentrums für Gesundheitsberufe Stuttgart (EBZ) andererseits. Ein Ziel der Fortbildung sollte sein, mehr über die Gesundheits- und Krankenpflegeschule zu erfahren: Wie macht ihr das eigentlich mit der ethisch-religiösen Bildung? Deshalb hat man mich eingeladen, über den berufsbezogenen Ethik- und Religionsunterricht aus der Perspektive des EBZ als evangelischer Schule zu referieren.

PTZ steht für das Pädagogisch-Theologische Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit Sitz in Stuttgart-Birkach, RPI für das Religionspädagogische Institut der badischen Partnerkirche in Karlsruhe. Beide Einrichtungen sind für Fortbildung und Weiterentwicklung „rund um die Religionspädagogik in Kita, Schule und Gemeinde“ und damit auch für den Religionsunterricht an Altenpflegeschulen zuständig. Dies gilt jedoch nicht für den vergleichbaren Unterricht an Gesundheits- und Krankenpflegeschulen, der meist „Ethikunterricht“ genannt wird. Denn an Krankenpflegeschulen, die dem Sozialministerium zugeordnet sind, gibt es im Unterschied zu den Altenpflegeschulen und allen anderen beruflichen Schulen im Bereich des Kultusministeriums keinen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, wie ihn Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes vorgibt.

Die Generalisierung der Pflegeausbildung – aus drei, nämlich Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege, mach‘ eins – stand 2016 schon im Raum, schien aber ein noch eher diffuses Vorhaben zu sein. Immerhin waren unter Religionslehrkräften an Altenpflegeschulen schon Befürchtungen laut geworden, im Zuge dieser Generalisierung könne, je nach künftiger ministerieller Zuordnung der neuen Pflegeschule, das Fach Religionslehre (bisheriger Zusatz: Religionsgeragogik) entfallen. So dominierte den Expertentag die Frage, was angesichts der zu erwartenden Generalistik aus der ethisch-religiösen Bildung werden würde.

Inzwischen ist dieses Thema um Einiges näher herangerückt: Der Gesetzgeber hat das Pflegeberufereformgesetz verabschiedet und den Zielpunkt der generalistischen Ausbildung auf das Jahr 2020 gelegt – wobei freilich die konkreten Bedingungen und Strukturen so lange unklar bleiben, wie die zugehörige Ausbildungs- und Prüfungsverordnung und ein Rahmenlehrplan, möglicherweise auch ein Landeslehrplan noch fehlen. Über eine mögliche rechtliche Einbindung eines pflegebezogenen Ethik- und Religionsunterrichts in die Ausbildung lässt sich deshalb nach wie vor nichts Konkretes sagen.

Umso wichtiger ist es, diesen zugegebenermaßen sehr speziellen, durchaus aber wichtigen Aspekt der Generalistik nicht aus dem Blick zu verlieren. Deshalb wurde für den 9. Oktober 2017 zu einem Fachtag „Religionsunterricht im Altenpflegebereich“ eingeladen, um bei einer Exkursion ins EBZ den Kontakt zwischen Altenpflege-Religionslehrkräften, PTZ, RPI und EBZ zu vertiefen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sollte ermöglicht werden, eine Gesundheits- und Krankenpflegeschule einmal von innen kennen zu lernen. Und so erhielten diese – viele waren schon beim Expertentag von 2016 dabei gewesen – am Fachtag eine kleine Führung durchs Haus der Diakonischen Bildung, in dem wir als EBZ mit der Altenpflegeschule des Diakonischen Instituts für Soziale Berufe eine Hausgemeinschaft bilden. Und sie erfuhren Grundlegendes über unseren Bildungsauftrag, Ausbildungsstrukturen und Studienmöglichkeit, das evangelische Profil und den Unterricht in dem für die ethisch-religiöse Bildung relevanten Modul. Ich stellte eine exemplarisch Unterrichtseinheit zum Thema "Ethos und Ethik in der Pflege" vor und gab Hinweise zum Klassenseminar „Leben und Sterben“, das jeweils eine Pflegepädagogin mit mir zusammen im Teamteaching durchführt.

Bei aller Unterschiedlichkeit von Altenpflege- und Krankenpflegeschule gab es durchaus so manches Gemeinsame zu entdecken, auch wenn bei einigen Kolleginnen aus den Altenpflegeschulen noch etwas die Skepsis überwog, ob dieses Gemeinsame unbedingt in die Generalisierung führen muss. Nichtsdestotrotz versprechen sich viele Schulen und Lehrkräfte von ihr einen Fortschritt für Ausbildung, Berufsfeld und Status der Pflege – so die Umsetzung auf der übergeordneten politischen und gesetzgeberischen Ebene denn gut gemacht wird.

Insgesamt waren wir uns einig, dass ein Lernbereich „Ethisch-religiöse Bildung in der Pflege“ integraler Bestandteil auch der neuen, generalistischen Ausbildung sein soll. Als Religionslehrkraft wünscht man sich natürlich, Religion als ordentliches Lehrfach unterrichten zu können. Wie auch immer, nach meiner Vorstellung muss jedenfalls ein entsprechender Unterricht stark auf den Beruf hin ausgerichtet sein. Er muss einen eigenen Beitrag zum Aufbau pflegeberuflicher Handlungskompetenz leisten. Ethisch-religiöse Kompetenz gehört zu einer guten Pflege wie hygienisches Arbeiten oder empathisches Kommunizieren mit Patienten oder Bewohnern. Für mich, der ich mich seit 1987 als eine Art Grenzgänger zwischen Religionspädagogik und Pflegeausbildung hin- und herbewege, ist dabei unabdingbar, dass die Theologen und Religionspädagogen in der Lehrplan- oder Curriculumentwicklung wie im Unterricht mit den Pflegepädagogen „auf Augenhöhe“ zusammenarbeiten. Anders wird es nicht gehen.

Am Ende des Fachtags gingen wir mit der Erwartung auseinander, dass es durchaus Chancen für die Integration ethisch-religiöser Bildung in die Pflegeausbildung gibt, auf welcher schulrechtlichen Grundlage auch immer diese künftig ruhen wird. Von daher nahmen wir uns vor, im Gespräch zu bleiben, die Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und unser Anliegen im geeigneten Moment ins Spiel zu bringen.

Literatur

1. Pädagogik und Didaktik
  • Franco W. Volontieri (Hg.): Ethik im aktuellen Lehrangebot von Krankenpflegeschulen in der Bundesrepublik Deutschland – Stand Frühjahr 1989 –, bearb. Konrad Blokesch/Wolfhart Bock von Wülfingen, Saarbrücken: Dadder 1992 (= Prüfsteine medizinischer Ethik)
  • Arnd Götzelmann (Hg.): Ethikunterricht in diakonischen Bildungseinrichtungen (Alten- und Krankenpflegeschulen). Curricula, Lehrmaterialien, Aufgabenstellungen einer Didaktik ethischer Bildung. Dokumentation und Materialien zum Workshop der Diakonischen Akademie Deutschland in Berlin vom 28. bis 30.10.1999, Heidelberg: Diakoniewissenschaftliches Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 2000 (DWI-Info Sonderausgabe)
  • Rudolf Mahler: Brauchen Schülerinnen und Schüler der Gesundheits- und Krankenpflege Religionsunterricht? – Überlegungen zu einer aktuellen Frage, in: Olgabriefe. Mitteilungen aus dem Diakonissenmutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart e.V. Jg. 106, H. 1, 2005, S. 22-25
  • Projektgruppe Zukunft der Pflegeausbildung: Vorschlag zur Positionierung des Diakonischen Werks Württemberg zur Zukunft der Pflegeausbildung. Teil A: „Theologische Grundlinien“, hg. Evangelisches Schulwerk in Württemberg, Stuttgart 2007; dass., http://www.evangelisches-schulwerk-inwuerttemberg. de/fileadmin/mediapool/bezirke/schulwerk/Teil_A_Theologische_ Grundlinien_Pflegeausbildung.pdf
  • Rudolf Mahler: Religion – Ethik – Seelsorge. Perspektiven christlicher Bildung im Unterricht an Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege, Referat beim 2. Ökumenischen Workshop „Entwicklung von Modulen für Unterrichtsangebote von Krankenhaus-seelsorger(inne)n zum Lernbereich ‚Ethisch handeln lernen’“ in Stuttgart am 4. Juni 2007; dass., in: Konvent der Krankenhaus- und KurseelsorgerInnen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg/Arbeitsgemeinschaft Katholischer Krankenhaus- und KurseelsorgerInnen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hg.): Ethisch handeln lernen. Materialien für den Ethikunterricht, CD-ROM, Stuttgart 2008
  • Marianne Rabe: Ethik in der Pflegeausbildung. Beiträge zur Theorie und Didaktik, Bern: Huber 2009
  • Martina Hiemetzberger/Barbara Rupprecht: Unterricht in der Pflegepraxis – eine Frage der Haltung?, in: Rundbrief. Tut Forschung weh? Vereinsorgan des Internationalen Fördervereins Basale Stimulation 22, 2, 2013, S. 10-15
  • Heinrich Merkt/Friedrich Schweizer/Albert Biesinger (Hg.): Interreligiöse Kompetenz in der Pflege. Pädagogische Ansätze, theoretische Perspektiven und empirische Befunde, Münster u.a.: Waxmann 2014 (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität 7)
  • Rudolf Mahler: Ethisch-religiöse Bildung in einer generalisierten Pflegeausbildung. Aus Sicht der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege, Referat beim Expertentag „Ethisch-religiöse Bildung in einer generalisierten Pflegeausbildung“ am 4. Oktober 2016 im Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
  • Hemma Prenner: Die spirituelle Dimension in der Pflegeausbildung. Konzeption und Evaluation eines Workshops, Wiesbaden: Springer 2016
  • Marianne Hahn: Transkulturelle Pflege. Fokus Islam und die Implementierung in den Unterricht, Saarbrücken: Akademikerverlag 2017
2. Lehrpläne und Curricula
  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Schulversuch. Lehrpläne für die Berufsfachschule. Berufsfachschule für Altenpflege, Stuttgart: Landesinstitut für Erziehung und Unterricht 2003
  • Evangelisches Bildungszentrum für Gesundheitsberufe Stuttgart: Schulcurriculum für den theoretischen Teil der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege, unveröffentlichtes Typoskript, Stuttgart 2004ff.
  • Sozialministerium Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Lehrerinnen und Lehrer für Pflegeberufe Baden-Württemberg e.V. (Hg.): Vorläufiger Landeslehrplan des Landes Baden-Württemberg für die Ausbildung nach dem Krankenpflegegesetz vom 16. Juli 2003 und der zugehörigen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung vom 10. Nov. 2003, Stuttgart 2004
  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Schulversuch. Lehrplan für die Berufsfachschule. Berufsfachschule für Altenpflege. Evangelische Religionslehre/Religionsgeragogik, Schuljahr 1, 2, 3, Stuttgart: Landesinstitut für Schulentwicklung 2009
  • Evangelisches Bildungszentrum für Gesundheitsberufe Stuttgart: Schulcurriculum für den theoretischen Teil der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflegehilfe, unveröffentlichtes Typoskript, Stuttgart 2013ff.
3. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien
  • Franz Anton Mai: Unterricht für Krankenwärter zum Gebrauche öffentlicher Vorlesungen, Mannheim: Schwanische Buchhandlung 1782, überarb. ²1874
  • Karl Heinrich Nathanael Deckinger i. Auftr. des Mutterhauses der Olgaschwestern: Berufsunterricht für unsere Schwestern, Stuttgart: Kohlhammer 1904
  • Hilde-Dore Abermeth: Ethische Grundfragen in der Krankenpflege. Ein Lehr- und Lernbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989
  • Jutta Hamann u.a. (Hg.): Ethisch handeln lernen an Krankenpflegeschulen. Eine Handreichung für den Unterricht, Loseblattsammlung, Stuttgart 1990
  • Ingeburg Barden: Glauben – Leben – Pflege im Judentum, Christentum und Islam, Freiburg i.Br.: Lambertus 1992 (= Materialien zur Krankenpflegeausbildung S 6)
  • Eva Hoppe u.a.: Ethik. Arbeitsbuch für Schwestern und Pfleger, Reinbek: LAU-Ausbildungssysteme 1995 (= Studienbücher für medizinische Berufe)
  • Koordinierungskreis Ethik in der Krankenpflege im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft der Lehrkräfte an Krankenpflegeschulen von Baden-Württemberg/Nord, des Konvents der Krankenhausseelsorge der Evang. Landeskirche Württemberg, der Arbeitsgemeinschaft der Kath. Krankenhausseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Schul- und Krankenhausreferate des Oberkirchenrats der Evang. Landeskirche und des Bischöflichen Ordinariats der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hg.): Ethisch handeln lernen im Krankenhaus – eine Arbeitshilfe für die Ausbildung, Fort- und Weiterbildung. Loseblattsammlung zum internen Gebrauch, Stuttgart 1997
  • Ulrich H.J. Körtner: Grundkurs Pflegeethik, Wien: Facultas 2004; überarb. ²2012; überarb. ³2017 (= UTB 2514)
  • Reinhard Lay: Ethik in der Pflege. Ein Lehrbuch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung, Hannover: Schlütersche 2004, ²2012
    Arbeitsgruppe „Pflege und Ethik“ der Akademie für Ethik in der Medizin: „Für alle Fälle…“. Arbeit mit Fallgeschichten in der Pflegeethik, Hannover: Kunz/Schlütersche 2005
  • Konvent der Krankenhaus- und KurseelsorgerInnen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg/ Arbeitsgemeinschaft Katholischer Krankenhaus- und KurseelsorgerInnen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hg.): Ethisch handeln lernen. Materialien für den Ethikunterricht, CD-ROM, Stuttgart 2008
  • Martina Hiemetzberger: Ethik in der Pflege, Wien: Facultas 2010, ²2016
  • Eleonore Kemetmüller/Gerhard Fürstler: Berufsethik, Berufsgeschichte und Berufskunde für Pflegeberufe, Wien: Facultas 2013
  • Riedel, Annette/Sonja Lehmeyer: Ethik lehren und ethische Reflexion praktizieren. Wirkende Werte, Dimensionen und Perspektiven von Ethik in der Pflege(aus)bildung, in: PADUA 8, 4, 2013, S. 241-247
  • Heinrich Merkt u.a. (Hg.): Ethische und interreligiöse Kompetenzen in der Pflege. Unterrichtsmaterialien für die Pflegeausbildung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014
Rudolf Mahler
24.10.2017