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„Nur Lernbegleiter? Unsinn, Lehrer! Lob der Unterrichtslenkung“

Pädagogischer Tag des Lehrerkollegiums mit Michael Felten

Der PädagogischerTag, den wir Lehrkräfte des EBZ am 27. März 2017 miteinander abhielten, stand unter dem Motto „Lernwirksamer unterrichten – Überraschendes aus der aktuellen Unterrichtsforschung“. Wir hatten gemeinsam beschlossen, uns mit der Hattie-Studie und den Konsequenzen, die aus ihr für unseren Unterricht und unser pädagogisches Handeln zu ziehen sind, näher zu befassen. Dazu wählten wir einen namhaften Referenten aus, der unsere Erwartungen in keiner Weise enttäuschte.


Der neuseeländische Erziehungswissenschaftler John Hattie hatte in seinem Buch „Visible Learning“ von 2009 erstmals empirisch nachgewiesen, dass der Erfolg von Schülerinnen und Schülern in der Schule stark mit dem Lehrerhandeln in Verbindung steht. Er hatte dazu zahlreiche Bildungsstudien der vergangenen vier Jahrzehnte ausgewertet und aus diesen eine einzigartige Meta-Analyse gebildet, die Aussagen zu Bildung und Unterricht auf einer noch nie dagewesenen Datengrundlage erlaubte. Nicht umsonst übersetzten die Erziehungswissenschaftler Wolfgang Beywl und Klaus Zierer den Titel seines Buches für die deutsche Ausgabe von 2013 mit „Lernen sichtbar machen“. Als wichtig identifizierte Hattie nämlich 138 Faktoren aus den Feldern Lernende, Elternhaus, Schule, Curricula, Lehrkräfte und Unterrichten, von denen nach seiner Untersuchung Größen wie zum Beispiel die Häufigkeit vonLernstandstests, kollegiale Hospitation, Feedback, Lehrer-Schüler-Beziehung, angeleitetes Problemlösen, direkte Instruktion oder Klassenführung eine besondere Wirkung auf die Schülerleistung haben. In der Fachöffentlichkeit fand Hatties Studie große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt weil er mit seinen Erkenntnissen die Lehrerrolle wieder stärker in den Vordergrund rückte. Klaus Zierer zog im Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2013 folgendes Resümee: „Auf die Qualität des Unterrichts kommt es an“.

Als Referenten für den Pädagogischen Tag konnten wir den Gymnasiallehrer Michael Felten, einen ausgewiesenen Fachmann in Sachen Hattie-Studie, gewinnen. Felten, Jahrgang 1951, unterrichtet seit über 30 Jahren an einem Gymnasium in Köln Mathematik und Kunst, ist Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und arbeitet zudem als freier Schulentwicklungsberater. Er hat eine Reihe pädagogischer Sachbücher veröffentlicht, zuletzt „Lernwirksam unterrichten“ (3. Auflage 2014, mit Elsbeth Stern), „Nur Lernbegleiter? Unsinn, Lehrer! Lob der Unterrichtslenkung“ (2016) und „Die Inklusionsfalle“ (2017), betreibt die Beratungs-Website „Feltens Pädagogische Palette“ (www.eltern-lehrer-fragen.de) und beantwortet in einer Kolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“ seit 2013 regelmäßig eine „Schulfrage“ (www.zeit.de/serie/schulfrage). Zum UN-Weltkindertag 2015 hat er eine Info-Plattform zur Inklusionsdebatte (www.inklusion-als-problem.de) eröffnet. Angetrieben wird er nach eigenen Angaben von dem Wunsch, „den Praxiserfahrungen der Lehrer und den Befunden der Unterrichtsforschung mehr Gehör in der Bildungsdebatte zu verschaffen“.

So war es kein Wunder, dass Felten an unserem Pädagogischen Tag dem Selbstverständnis des Lehrers als Regisseur (oder „Leitwolf“) eine erheblich stärkere Wirkung auf den Schülererfolg zuschrieb als der heute verbreiteten Vorstellung, der Lehrer sei nur Moderator, also weitgehend nur Beobachter eines vom Schüler selbst zu steuernden Lernprozesses. Unter Bezugnahme auf eine Aussage des Erziehungswissenschaftlers Ewald Terhart betonte Felten, dass im Zentrum des Unterrichts der Lehrer stehe, für den allerdings wiederum die Schüler im Zentrum stünden. Die vier wirkungsmächtigsten Faktorenbündel sind dabei die Aktivierung ihres Denkens (durch anspruchsvolle Aufgaben, hohe Erwartungen, gezielte Lernstrategien, kooperatives Lernen), eine souveräne Klassenführung (also Klarheit, Ordnung, erkennbares Führungshandeln, Verhinderung von Störungen), ein lernförderliches, motivierendes Unterrichtsklima (durch eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung, Fehlertoleranz, Respekt und Wertschätzung) sowie angemessenes Feedback in Form von Tests und anderen Verfahren, die das Lernen der Schüler sichtbar machen. So löst sich der alte Gegensatz von lehrer- und schülerzentriertem Unterricht zugunsten eines Lehrer- und Schülerorientierung verbindenden Lehrens auf.

Was dies konkret für unseren Unterricht und unser Erziehungshandeln am EBZ bedeutet, erarbeiteten wir nach einer sehr kompetenten Einführung in den Gesamtzusammenhang durch den Referenten und einzelnen Inputs in zwei Workshop-Phasen. Michael Felten gab uns eine Fülle von Impulsen für unsere Bildungsarbeit mit auf den Weg. Die Übertragung allgemeiner didaktischer Erkenntnisse auf das spezifische Schülerklientel und die besonderen, vom Theorie-Praxis-Transfer gekennzeichneten Gegebenheiten im beruflichen Bildungsbereich gelang uns allen miteinander sehr gut, sodass sowohl der Referent als auch wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende rundum zufrieden sagen konnten: Wir haben viel gelernt.

Rudolf Mahler