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„Wenn die Roboter-Robbe zum Ersatztier wird…“ Seminar der Klasse F5/2015 am 3. Juni 2016 im Stuttgarter Hospitalhof

Um 8.30 Uhr traf unser Kurs in Begleitung von Frau Betz und Herrn Mahler am landeskirchlichen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart ein. Mit einem schmackhaften Frühstücksbuffet und anschließender persönlicher Begrüßung durch die Leiterin des Hospitalhofs, Frau Pfarrerin Renninger, wurden wir in Empfang genommen. Das Seminar startete dann mit einer Einführung von Frau Renninger, die zunächst die dreiteilige Veranstaltungsreihe "Digitale Helfer? Wie die Digitalisierung unser Leben verändert" ansprach, in die das Seminar eingebunden war.

Die erste Referentin des Tages, Frau Professor Dr. Elisabeth Conradi von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, versuchte anhand der Prinzipien der Ethik der Achtsamkeit, die sie als Form der pflegebezogenen Care-Ethik versteht, Kriterien für die Beurteilung des Einsatzes von Roboter-Tieren aufzustellen. Aus einem von ihr gezeigten Video „Roboter zum Kuscheln“ wurde deutlich: Es besteht eine gewisse Hilflosigkeit bei den Pflegekräften im persönlichen Umgang mit dementen Patienten, die sich schwer mitteilen können, da sich ihr Verstand zunehmend verflüchtigt. Sie brauchen eine bestimmte Art der Zuwendung. Wie kann ihnen diese gegeben werden?

Und hier kommt die Roboter-Robbe Paro auf der Demenzstation zum Einsatz. Dieser kleine Helfer kommt aus Japan und imitiert täuschend echt eine lebende Robbe. Das Gerät löst bei den Patienten Gefühle aus, gibt auch Raum für solche und ist somit eine perfekte Illusion.

Man solle Demenzkranke im Glauben seiner Echtheit lassen, meinte die Referentin. Die positiven Effekte im Einsatz dieser Robbe seien medizinisch erwiesen; denn sanfte Berührungen würden zur Beruhigung dienen. Das hätte einen positiven Effekt für die Demenzkranken auf der Suche nach sich selbst. Die Vorteile gegenüber echten Tieren lägen auf der Hand, weil Paro im Unterschied zu diesen alles mit sich machen lässt. Der Einsatz von Paro schaffe Augenblicke voller Sinn und bahne einen Weg zu Erinnerungen.

Es gibt bereits Untersuchungen, die im Jahre 2011 durchgeführt wurden, unter anderem in 30 Pflegeheimen in Baden-Württemberg, wo die Gelegenheit bestand, Paro zu testen. Das Ergebnis war, dass das „Tier“ von den Bewohnern als echt angenommen wurde. Die "Illusion" wirkt.

Frau Professor Conradi erläuterte die Herkunft der Roboter Robbe Paro und ging auf ihren Erfinder Takanori Shibata aus Japan ein, der mit seiner Erfindung 2002 einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde errungen hat. Sie warf dabei Fragen zu wirtschaftlichen Aspekten und Vermarktungsstrategien auf, die möglicherweise hinter dem Ganzen stecken könnten.

An diesem Punkt verwies sie auf die Ethik der Achtsamkeit. Von ihr aus ist kritisch zu hinterfragen:
  • Ist Paro als Zuwendung zu deuten?
  • Werden durch ihn Bedürfnisse erfüllt? Wird dadurch die Beziehung intensiver?
  • Wird durch den Einsatz des Roboters unter Umständen die Verantwortung nur delegiert?
  • Nimmt die Handlungsmächtigkeit der Klienten durch den Einsatz von Paro wirklich zu?
Barbara Klein hat in ihrer Doktorarbeit zu diesem Thema einige Vorteile beschrieben. Paro könne Gefühle der Zuneigung und Wünsche nach Kontakt auslösen. Der Roboter simuliere soziale Interaktion sowie Kommunikation. Die Autorin verwendet in ihrer Arbeit sogar den Begriff des „emotionalen Roboters“. Doch sollte man sich nicht die Frage stellen, ob die Emotionen auf einer Täuschung, einem Betrug oder einer Ablenkung beruhen? Letztendlich fragt sich: Wieviel Betrug darf sein?

Thomas Sixt-Rummel, Einrichtungsleiter des Seniorenzentrums Haus Miriam der Karl-Wilhelm von Keppler-Stiftung in Waiblingen, beschäftigt sich seit einer Weile damit, ob er einen Roboter wie Paro für seine Einrichtung anschaffen soll. Ihm hatten wir es auch zu verdanken, dass wir eine Roboter-Robbe, in diesem Fall namens „Emma“, (geliehen aus einer anderen Einrichtung) in Echt betrachten konnten und in Aktion erlebten. Viele der Zuhörer waren ebenso begeistert von der Roboter-Robbe wie der Großteil der Pflegekräfte, die wir zuvor in Videos gesehen hatten. Herr Sixt-Rummel sieht die Vorteile der Roboter-Robbe darin, dass sie als „Türöffner“ gerade für Demenzerkrankte fungieren könne. Sich selbst stellt er jedoch die Frage, ob es diese Art der Kommunikationsaufnahme für seine Einrichtung unbedingt braucht. Er sagte, er habe noch „ein komisches Gefühl im Bauch“. Deshalb gibt es in seiner Einrichtung bis jetzt noch keinen Paro.

Als dritten Beitrag hörten wir Impulse von Pfarrer Johannes Bröckel, Seelsorger im Altenpflegeheim und Leiter der Altenpflegeheimseelsorge beim Diakonischen Werk Württemberg. Er berichtete zunächst von eigenen Erfahrungen mit von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelten Robotern, welche sowohl zum Tragen von Lasten als auch als Servicekräfte zum Anbieten von Getränken eingesetzt werden. An Hand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter stellte er die Problematik der Verantwortung in den Raum und warnte davor, dass wir Pflegekräfte ähnlich wie bestimmte Personen im Gleichnis unsere Verantwortung gegenüber den Bewohnern oder Patienten nicht wahrnehmen, sondern an die Roboter-Robbe übertragen könnten. Da Menschen mit Demenz sehr sensibel auf das Gegenüber reagieren, sieht Pfarrer Bröckel besonders die „Herz-zu-Herz Beziehung“ im Vordergrund der Pflege, welche ein Roboter nicht geben könne. Intelligente Systeme seien kein Ersatz für Gespräche und keine Lösung für den Fachkräftemangel, aber eine echte Hilfe für das Pflegepersonal.

Zum Schluss folgte eine offene Diskussionsrunde, die von Romeo Edel, Sozialpfarrer beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, moderiert wurde. Dabei wurden verschiedene kritische Punkte aus allen drei Vorträgen nochmals aufgenommen. Solche Fragen waren zum Beispiel:
  • Paro simuliert ein echtes Tier. Dürfen Demenzkranke damit getäuscht werden? Aber ist ein Fernseher nicht auch eine Täuschung?
  • Wird die Robbe als Zeitersparnis genutzt?
  • Reicht nicht auch ein künstliches Kuscheltier oder echter Besucherhund?
Erkenntnisse aus der Diskussion waren, dass die Industrie der Roboterentwicklung definitiv kommen wird. Roboter wie Paro könnten besonders bei Menschen zum Einsatz kommen, die mit menschlichen Beziehungen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Für Menschen mit Demenz zählt oftmals nur der Augenblick, und wenn eine Roboter-Robbe einen schönen Moment in deren Leben auslöst, hat es sich eventuell schon gelohnt. Dennoch muss jeder Mitarbeiter selbst entscheiden, ob er mit diesem Medium Nähe aufbauen will und die Täuschung in Kauf nimmt. Generell können schöne Momente auch durch Partizipation und Selbstbeschäftigungsangebote geschaffen werden.

Als Fazit bleibt bestehen, dass Roboter die Arbeit von Pflegekräften nur in Teilen ersetzen können und man auf Menschen in der Pflege nicht verzichten kann.















Aljona Bourtman und Johanna Hilligardt